Thomas Mann und ich, das ist so eine Sache. Im Germanistik-Studium hieß es: Entweder bist du Fan von Robert Musil oder von Mann – und ich war definitiv Fan des Ersteren. Durch Manns „Zauberberg“ habe ich mich hingegen wirklich gequält, ein Satz – eine Seite.
Dabei hätte ich eigentlich schon als Jugendliche mich für ihn interessieren können, schrieb doch mein Onkel Tadeus Pfeifer 1974 die Bühnenfassung der Buddenbrooks für das Basler Theater (Inszenierung Hans Hollmann). Ich besitze sogar noch ein Programmheft der Uraufführung, mit Widmung. Aber nein.
Erst in diesem Jahr bin ich wieder über die Familie Buddenbrook gestolpert: Im Rahmen unseres Lübeck-Aufenthaltes wollten mein Mann und ich auch das Buddenbrookhaus in der Mengstraße besichtigen – keine Andeutung auf der Webseite, dass es bis 2030 renoviert wird und deshalb geschlossen ist. Und ja, wo der dazugehörige und prinzipiell-aber-nicht-immer-und-schon-gar-nicht-sonntags-geöffnete Museumsshop ist (nämlich eine Gehminute von unserem Motel entfernt), haben wir auch erst herausgefunden, als er schon zu war. Also eine schwierige Beziehung zu Thomas Mann!
Das kleine Büchlein, um das es hier geht, „Weihnachten bei den Buddenbrooks“, ist nur ein kurzes Kapitel im 8. von den 11 Teilen des Romans. Das Cover zeigt übrigens besagtes Haus in der Mengstraße. In gewisser Weise ist das Buch insgesamt ein Schlüsselroman, in dem sich jede Menge Lübecker*innen seinerzeit wiederfinden konnten und nicht sehr begeistert davon waren: Mann schrieb mit zwar wohlwollender Ironie, aber doch auch sehr nah an der Realität, und nicht jede*r lässt sich nun einmal gern den Spiegel vorhalten. Die Hauptfiguren des Romans sind die Mitglieder der Familie Mann, die hier „Buddenbrook“ heißen. Aber natürlich war Thomas Mann ein viel zu guter Schriftsteller, als dass man das Buch auf den Schlüsselroman reduzieren könnte – es geht weit darüber hinaus.
Das Weihnachtskapitel spielt 1870 und wird überwiegend aus der Sicht des neunjährigen Hanno Buddenbrook geschildert, Thomas Manns Alter Ego (allerdings lässt er den Jungen 1877 an Typhus sterben). Der Autor portraitiert hier seine eigenen Kindheitserfahrungen mit der Musik. Zu Weihnachten wünscht sich der schüchterne Hanno ein Puppentheater, und zwar eines, in dem die Szenerie von Beethovens „Fidelio“ aufgebaut ist. Und dazu gibt es – man hat ja noch genügend Geld – gleich noch ein Harmonium. Ganz versunken ist der Junge in alles, was mit der Bescherung zu tun hat, und nur sein Onkel Christian, der sich ebenfalls dem Theater verschrieben hat (mehr aber wegen der dortigen Tänzerinnen und Schauspielerinnen) kann ein wenig die Faszination des Kindes nachvollziehen. Den anderen Kaufherren und ihren Ehegattinnen ist die Welt der Musik und des Theaters, aber auch die der Kinder, komplett fremd.
Diese andere, die kaufmännische Welt wirkt sehr verstörend. Nicht umsonst heißt der Untertitel der Romans „Verfall einer Familie“, und auch hier, beim Weihnachtsfest, gibt es dafür schon viele Anzeichen. Umso mehr wird an einer steifen, beklemmenden, prunkhaften Tradition festgehalten, wo nur Christian aus dem Rahmen fällt und sich daneben benimmt (er wird sein Leben in einer psychiatrischen Anstalt beschließen).
Das Büchlein ist voller Poesie und Witz und dabei voller Magie, denn so empfindet Hanno noch das Weihnachtsfest – doch im Hintergrund lauern Tod und Verfall. Sehr empfehlenswert, wenn du wie ich Weihnachtskitsch hasst! Übrigens findest du für alle im Buch erwähnten Gerichte am Ende des Bändchens Rezepte, von denen sich zumindest einige leicht vegan uminterpretieren lassen, z.B. die Sirupkuchen oder das Weingelee.
Hier kannst du das Buch bestellen.
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