Staffeldt: Geschichten vom Polarkreis

Dieses Buch habe ich beim Besuch des Grönländischen Hauses in Kopenhagen entdeckt. Es fiel mir wegen seiner Illustratorin ins Auge, Naja Abelsen, deren Galerie in Ærøskøbing ich erst wenige Monate zuvor besucht und wo ich den Druck jener Meeresgöttin erstanden hatte, die wir allgemein unter dem Namen Sedna kennen (die aber in den grönländischen Sprachen ganz anders heißt, siehe hier. Naja Abelsen ist eine dänisch-grönländische Malerin und hat zu den acht Kurzgeschichten Nina von Staffeldts alle Illustrationen beigesteuert.

Leider ist das Buch trotz des Namens der Autorin nur auf Dänisch erhältlich: Schon vor mehreren hundert Jahren wanderten einige verarmte von Staffeldts hierher aus und wurden naturalisiert. Sie selbst hat Pädagogik und deutsche Philologie studiert und seit 1997 immer wieder in Grönland gearbeitet, gelebt und es bereist. Das Buch führt uns Lesende direkt in die grönländische Gemeinschaft, mit Themen wie Natur, Leben, Tod, Liebe, Fürsorge, Arbeit und Kampf ums Überleben. Und rein zufällig, wie ich erst gestern entdeckt habe, ist die letzte der acht Novellen eine traurige, aber auch hoffnungsvolle Weihnachtsgeschichte!

Für alle, die des Dänischen nicht mächtig sind, übersetze ich hier den Teil der Kurzgeschichte, wo die grönländischen Besonderheiten des Weihnachtsfestes geschildert werden:

„Meine Großektern haben immer einen richtig grönländischen Weihnachtsbaum gemacht, aus Rundhölzern, umwickelt mit Wacholderzweigen vom Berge, etwas, worüber ich als Kind verächtlich die Nase rümpfte. Warum kauften sie keine dänische Tanne wie alle anderen? Das ist so altmodisch. Aber nun spüre ich den Duft von Wacholdernadeln in der Nase, erinnere mich, wie der würzige, frische Duft ihr kleines Haus die ganze Weihnachtszeit lang erfüllte, und hoffe, dass sie dieses Jahr einen Wacholderbaum haben. (…)

Draußen bricht die Dämmerung herein. Das klein bisschen Sonne, das die Luft ein wenig aufgewärmt hat, ist längst verschwunden, die Temperatur fällt schnell. Zu dieser Jahreszeit gibt es nur wenige Stunden Tageslicht, aber das wird kompensiert durch die vielen Weihnachtssterne in den Fenstern. In fast allen Häusern und Wohnungen hängen sie, und wenn da keine Sterne hängen, gibt es eine Lichterkette, oder es steht dort eine Kerze, die den Fensterrahmen beleuchtet.“

Und ansonsten gibt es am Tag vor Weihnachten bei den Großeltern jede Menge Kaffee und dänisches Gebäck: Klejner (ein Siedegebäck), brune kager (etwa wie Brownies) und finskbrød (Kekse mit Perlzucker und Mandeln) – ja, und auch das Polarlicht in all seinen prächtigen Farben!

Wenn du dänisch liest, hier der Link zum 2021 erschienenen Buch.

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