Magische Weihnachten Advent,Adventsliteratur Frederiksen: En Magisk Jul

Frederiksen: En Magisk Jul

Zu deutsch: Ein magisches Weihnachten. Wenn du dänisch sprichst und so wie ich antiquarisch fündig wirst, kann ich dir dieses Buch nur empfehlen.

Es spielt vom 1.-24.12.1997 in Kopenhagen und ist wie ein Adventskalender in 24 Kapitel eingeteilt. Der dänische Schriftsteller und Verleger Henrik Frederiksen hat eine groteske und surreale Weihnachtssatire geschrieben, mit vielen witzigen Einfällen. Und dabei geht es doch vor allem um Eines: Wie können wir Erwachsenen wieder aus unserer Lethargie erwachen, uns am Winter freuen wie die Kinder und eine wirkliche Gemeinschaft mit (noch fremden) Anderen erfahren? Wie kann aus unserem kommenden Weihnachten diesmal ein wirklich magisches Weihnachten werden?

Ich übersetze im Folgenden ein Kapitel aus der Mitte des Buches, um euch einen Eindruck davon zu geben, wie die Advents- und Weihnachtszeit in der Kindheit des Ich-Erzählers verlief. Das Ende des Buches birgt eine Überraschung und wird nicht verraten! Viel Vergnügen!

„(…) Ich war imstande, die segensreiche Kraft der Weihnachtsmixtur zu verbreiten und wahres Glück zu schaffen. Geheilt hatte ich die eingeschränkten Erwachsenen und die zunehmende Einfältigkeit und Blindheit gegenüber den Nuancen und verschiedenen Aspekten des Lebens, die immer mit ultimativem Frieden und Harmonie endeten – dem Pflegeheim, Kreuzworträtseln, Häkeln von Nikolausstrümpfen und Bingo. (…)

Ich startete den Tag damit, sofort zum Adventskalender zu gehen und die 17. Schublade zu öffnen:

Die meisten Erwachsenen

existieren

– mehr nicht.

Aber deiner Kindheit

Magie

brachte Licht in

die Seele zur Weihnachtszeit.

(…) Erlaube mir deshalb wieder (… zum) Weihnachten des Jahres 1975 (zurückzukehren).

Wir waren eine Familie von vieren: Vater, Mutter, mein kleiner Bruder und also ich selbst, die wir alle in einer kleinen Wohnung in der Jernbaneallé in Vanløse wohnten. Mein Vater war Tischler und meine Mutter Krankenpflegehelferin, und wir gehörten zum glücklichen Teil der Arbeiterklasse – wir waren bestimmt nicht reich, aber wir kamen gut zurecht. In jedem Fall gewöhnten wir uns an Käserinden. Obwohl in der Wohnung nicht wirklich viel Platz war, bestand meine Mutter immer darauf, dass sie das Weihnachtsfest für die ganze Familie ausrichten wolle. So bereitete sie alles vor und regierte lange vor dem Weihnachtsabend. Sie war weihnachtssüchtig. Also krankhaft besessen von Weihnachten, und kaufte Wichtel, Tannengrün, Weihnachtspapier und so weiter ohne Ende. ”Es ist Weihnachten, es ist Weihnachten”, jubelte sie jeden Tag und sprang herum, bis mein Vater keinen anderen Ausweg mehr sah, als den Arzt anzurufen, der ihr eine Beruhigungsspritze gab. Das war gewiss erblich, denn ihre Mutter litt an derselben Weihnachtshysterie, und kann man sich als Kind etwas Besseres vorstellen, als in einer Familie mit zwei weihnachtlich geisteskranken Frauen zu sein? Wir wurden verwöhnt mit Klejnern, Schokolade, Konfekt und allen möglichen Speisen, bis wir dasaßen und abwechselnd hicksten und rülpsten. Und sie dekorierten mit Weihnachtsherzen, Kettengirlanden, Herzgirlanden, Krämertüten und Vögeln, ausgeschnitten aus Goldfolie. Bei uns gab es überall Wichtel, ja, sogar auf der Toilette. Meine Mutter ging immer ruhelos in der Wohnung umher und suchte nach einer leeren Stelle, der ein Wichtel fehlte. Und ihre Mutter bestand immer darauf, uns Märchen vorzulesen, wie H.C. Andersens ”Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern”. Leider stotterte sie, und so wurden uns die Geschichten immer drei- bis viermal erzählt. ”Komm nun zur Sache, Oma!” sagten wir immer barsch, während sie dasaß und daran herumhackte wie eine Schallplatte mit Kratzern. ”Ja, ja… sssseid… nnnun…. ru…hig”, antwortete sie. Wenn wir am nächsten Morgen erwachten, saß sie immer noch da. Und war durch die Hälfte des Märchens gekommen.

Wir liebten unsere beiden Omas abgöttisch, während die Zuneigung zum Vater unserer Mutter etwas gedämpfter war. Er hielt uns wohl am ehesten für ein paar gierige Schurken, die versuchten, ihn bis auf den letzte Øre zu ruinieren. Als ich ihn und meine Oma während dieser Weihnachtszeit besuchte, lag er eines Tages auf der Lauer, und während ich nervös eine Mandarine schälte, sagte er: ”Sag, bekommst du zu Hause überhaupt nichts zu essen?” Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre Weihnachten abgeschafft worden, denn er sagte immer: ”Das ist ja der reinste Wahnsinn, so viel Geld, wie man dafür braucht, nur wegen des kleinen Kerls aus Bethlehem.” Mein Opa konnte Weihnachten nicht ausstehen. ”Ich reise weg”, sagte er beleidigt und drohend zu Oma. Und sie antwortete: ”Oh ja, mach’s doch, nur so für zehn, zwanzig Jahre.” Das einzige, worüber sich mein Opa im Leben wirklich freute, war eine Flasche Gammel Dansk, zwanzig grüne filterlose Cecil-Zigaretten und eine griffbereite Brechtüte. Er war ein strahlendes Beispiel dafür, dass Widerstand einem Menschen Charakter verleiht – während zu viel Widerstand mit Alkoholismus endet. Zu meinem Opa väterlicherseits hatte ich auch kein besonders enges Verhältnis – er starb schon, bevor ich geboren wurde. Deshalb gab es nicht viel, worüber wir miteinander reden konnten. Tante Winnie besuchte uns leider immer mehrere Male zu Beginn des Weihnachtsmonats. Es durfte jedoch nicht zu nah am Weihnachtsabend sein, weil sie sonst riskierte, die Zeugen Jehovas zu beleidigen. Aber jedes Mal, wenn sie die Treppen heraufkam, befahl mein Vater uns, uns auf den Boden zu werfen, in der Hoffnung, dass sie glauben würde, es sei niemand zu Hause, und wieder ginge. Aber meine Mutter ging immer hinaus und öffnete. Sie war ja trotz allem ihre Schwester, auch wenn das ganz unglaublich schien. Sobald der Kran durch die Tür hereinkram, rief er aus: ”Oh, mein kleines Kuschelschweinchen”, und umarmte und küsste mich, bis ich weinte. Nicht so sehr wegen der Küsse, sondern weil ihr grausamer Armschweiß mir in den Augen brannte. Und wenn sie erst einmal zur Tür hereingekommen war, konnte man sie nicht mehr hinaustreiben. Stunde um Stunde mussten wir einem endlosen Geplänkel zuhören.

Mein Vater war immer für das mit dem Weihnachtsbaum zuständig, der recht hart und beschwerlich nach Hause zu bringen war. Er meinte, es sei am besten, den Weihnachtsbaum selbst zu fällen, so schnappte er sich die Axt, und so nahmen wir den Bus nach Frederiksberg. ”Oh, nun geht es nur darum, die passende Größe zu finden”, sagte er. Und nachdem wir etwas gelaufen waren und gesucht hatten, sah er den schönsten Weihnachtsbaum im Garten eines Einfamilienhauses und sagte: ”Jungens, ich fälle den Baum, und dann müssen wir nur noch höllisch schnell rennen.” Aber gerade, als der Weihnachtsbaum umfiel, kam der Eigentümer heraus: ”Was zum Teufel”, schrie er wie verrückt, ”wollt ihr meinen Nadelbaum stehlen!” Aber Vater war athletisch gebaut und schnell zu Fuß, so schnappte er also blitzschnell den Weihnachtsbaum, rief: ”Lauft, zum Teufel!”, und so spurteten wir in vollem Galopp die Straße hinunter mit dem Mann hinter uns. Und mein kleiner Bruder und ich lachten, sodass wir fast keine Luft mehr bekamen, als wir dem Mann entkommen war, dem glücklicherweise ein Bein fehlte. Aber dafür konnten wir weiß Gott nichts. Als wir nach Hause kamen, wurden wir uns einig, dass es so lustig war, Weihnachtsbäume zu hacken, dass wir es zu einer festen Familientradition machen würden.

Das hatte er ganz sicher nicht von Fremden. Die Mutter meines Vaters stahl den größten Teil ihrer Weihnachtseinkäufe im örtlichen Supermarkt, denn sie sagte: ”Ich habe weiß Gott keine Lust, für diesen Weihnachtsscheiß zu bezahlen.” Und so schlich sie sich hinein, in einem riesigen Baumwollmantel, dunkler Sonnenbrille und Lammfellmütze und kam wundersamerweise mit drei Enten und einem Schweinebraten heraus. Sie veranstalte schon beinahe Razzien bei Amager, und die Ladendetektive wurden informiert, dass sie scharf Ausschau halten sollten nach einer diebischen Rentnerin von anderthalb Metern Größe mit einer Adlerfeder. Aber an einem dieser Weihnachtstage wäre es beinahe schiefgegangen. Einer der Ladendetektive hatte sie gesehen, als sie sich gerade eine Schale Orangen, zwei Weihnachtsbiere und ein Roggenbrot schnappte. ”Haltet die Diebin!” schrie der junge Mann, und meine Oma rannte um ihr Leben. Zwar war sie fünfundsechzig Jahre alt, klein und o-beinig, aber sie konnte laufen wie geisteskrank. Sie war ja nicht dumm, also hatte sie für Gelegenheiten wie diese trainiert. Aber ein Stück weiter die Amagerbrogade hinab hat er sie doch noch erwischt. ”Lass mich los, du Lümmel”, knurrte sie und benutzte dann ihren üblichen Trick und schrie: ”Vergewaltigung! Vergewaltigung!” Und wenn eine alte, ehrwürdige Dame so etwas schrie, kamen sofort andere Männer zur Unterstützung herbei. In der Regel endete das damit, dass sie dem Ladendetektiv ein paar Ohrfeigen gaben und ihn ”perverses Schwein” nannten. Ach ja, wir aßen Diebesgut an Weihnachten, aber ich finde jetzt, dass es sehr gut schmeckte. Die Mutter meines Vaters war unübertroffen. Wir frittierten Klejner, buken Brunkager, Zauberteig zum Kneten und Weihnachtsbaumfiguren und formten Konfekt für die große Goldmedaille. Als wir mit all der Arbeit fertig waren, gingen wir ins Wohnzimmer, um durchzuschnaufen und uns zu entspannen. Kurz danach gingen wir zurück in die Küche, und da saß mein kleiner Bruder total erschöpft auf dem Fußboden wie eine große Motte, rülpste und sagte: ”Danke für’s Essen.”

Mein kleiner Bruder und ich legten uns richtig hart ins Zeug, um Geld für die Weihnachtsgeschenke zu verdienen. Wir trugen Reklame aus und hatten einen großen Distrikt in Vanløse. So bugsierten wir schwitzend und keuchend die Reklame in einem kleinen Zugwagen herum, und glücklicherweise gab es einen großen Abfallcontainer auf der Route, sodass wir die schwere Last loswerden konnten. Wir hatten selbstverständlich keine Lust, all die Treppen hinauf und hinunter zu rasen. (…) Und ich war sehr kreativ bei meinen Weihnachtseinkäufen. Der Mutter meines Vaters schenkte ich eine Fahrradlampe. ”Das ist ja nett”, sagte sie, ”nun fehlt mir nur noch ein Fahrrad.” Meine andere Oma bekam eine Pfeife und ein Herrendeodorant, aber es bereitete mir große Qualen, etwas für ihren Mann zu finden. Es sollte nämlich so billig wie überhaupt nur möglich sein. Er war ja selbst so beschissen geizig. Wenn ich bei ihm zu Hause war, verlangte er zwei Kronen pro Minute, wenn ich das Telefon brauchte, und saß mit einer Stoppuhr neben mir. So bekam er eine Haushaltsbox. ”Oh”, sagte er, als er das Päckchen öffnete, ”hmm. Ja, Zahnstocher. Hmm. Die kann man ja immer brauchen. Danke, mein Junge.” Und so bemühte er sich ganz wahnsinnig, nicht bitter auszusehen. Meine Mutter bekam Tischschoner, mein Vater Old Spice Rasierwasser und mein kleiner Bruder ein großes Blech Hühnerringe-Gebäck, das ich ihm später wegschnappte. Aber nun war es ja glücklicherweise so, dass Weihnachten die Zeit der Kinder war. Wir konnten den Erwachsenen egal was schenken, aber, so Gott will, auch trösten, wenn sie uns irgendwelchen Mist schenken würden. Was jedoch nie geschah. Mein Vater und meine Mutter waren äußerst schenkfreudig, und an Weihnachten gaben meine Omas wohl fast ihre ganze Volksrente beim Spielwarenhändler in der Amagerbrogade aus. Und wir bekamen unter anderem eine grandiose Rennbahn. Mein Vater half uns, sie zusammenzubauen, und zwei Monate später bekamen wir auch die Erlaubnis, sie auszuprobieren. ”Nun sind wir aber bald dran”, sagten mein kleiner Bruder und ich ununterbrochen, ”nein, nein”, antwortete mein Vater völlig vertieft, ”das hier ist einfach nichts für Kinder.”

Ach ja, wie ich Weihnachten in meiner Kindheit genossen habe. Nichts war spannender und fesselnder als der Weihnachtsmonat. Das Gefühl, am Morgen zu erwachen, glücksstrahlend aufzustehen und erwartungsvoll im Nikolaussocken zu stöbern, der am Fussende des Bettes hing. Nach dem Geschenk des Tages vom Weihnachtsmann herumzufummeln, einen schmerzvollen Schlag auf die Finger von einer Mausefalle zu bekommen und meine Mutter vor Lachen schreien hören im Wohnzimmer nebenan. Nichts konnte da mithalten. Die langen Tage mit Rodeln im Grøndalsparken. Sausende Gleittouren die Eishügel hinunter, Schneeballschlachten, Prügel von den anderen Kindern, das ausgelassene Spiel zwischen den schneebedeckten Bäumen, bis mein kleiner Bruder und ich keuchten und stöhnten, es dunkel wurde und wir nass und frierend heim in die Jernbaneallé stapften. Damals taten unsere Eltern und Großeltern alles, damit wir uns in dieser Zeit freuten. Geschenke, Weihnachtsbaumfeste, Pfeffernüsse in glitzernden Krämertüten, Marzipan, Schokolade, duftender Weihnachtsbaum, Nüsse, Adventskerzen, Stearinkerzen, Baumkerzen, rote, weiße und gelbe Kerzen. Massen von Kerzen – Magie! Das erleuchtete Dunkel. Ein Leben in der verzauberten Welt zwischen Wichteln und Trollen. Damals war nichts tot. Und die Weihnachtsmixtur brachte all das nun zurück.“

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