Im glühendheißen Israel habe ich Mitte der 90er-Jahre den Bestseller von Peter Høeg zum ersten Mal gelesen, in der Hanser-Ausgabe. Eine angenehme Erfrischung für den Kopf!
Ja, es ist ein Krimi. Aber es ist viel mehr als das, ein richtiger Roman, und das geht in der Verfilmung von Bille August aus dem Jahr 1997 völlig verloren. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Høeg keine Verfilmungen seiner anderen Bücher mehr zulässt.
Die Handlung in Kurzfassung: Wenige Tage vor Weihnachten wird im Kopenhagener Hafenviertel ein sechsjähriger Inuk-Junge tot aufgefunden. Er ist offenbar vom Dach eines Lagerhauses gestürzt, und da außer seinen keine weiteren Spuren auf dem Dach zu sehen sind, geht die Polizei von einem Unfall aus. Doch Smilla Jaspersen, Halbgrönländerin, sieht das anders. Sie ist arbeitslose Wissenschaftlerin, Expertin für Schnee, und erkennt anhand seiner Fußabdrücke, dass ihr kleiner Freund Jesaja vor etwas auf der Flucht war. Etwas, was stärker war als seine Höhenangst… Sie ermittelt nun ebenfalls, in Kopenhagen, auf dem Meer und schließlich auf Grönland, und gerät dabei in Lebensgefahr. Soweit der Krimiteil des Buches.
Der Roman ist aus Smillas Sicht in Ich-Form geschrieben. Politisch befasst er sich mit dem Verhältnis Dänemarks zur ehemaligen Kolonie Grönland, psychologisch mit ihrer Zerrissenheit zwischen beiden Kulturen. Und dann gibt es noch eine weitere Hauptperson im Buch: den Schnee, bzw. das Wasser in all seinen Formen. So beginnt der Roman:
„Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.“
Was gibt es noch? Allüberall die Farbe Weiß. Langsam gefrierendes Wasser im Hafen natürlich. Gefährlichen Nebel auf Grönland. Ihre Schnee- und Mathematik-Fachbücher. Die heißen Getränke, z.B. den Kaffe auf Seite 94, den ihr der Mechaniker-Nachbar kocht: „Er gießt ein Drittel Rahm und zwei Drittel Vollmilch in zwei hohe Henkelgläser. Der Kaffee, den er aus der Maschine zapft, ist schwarz und dick wie Rohöl. Er schäumt die Milch mit dem Dampfrohr auf und verteilt den Kaffee auf die beiden Gläser. Wir nehmen ihn mit zum Sofa. Ich weiß es durchaus zu schätzen, wenn mir jemand etwas Gutes vorsetzt. Das Getränk in dem hohen Glas ist dunkel wie alte Eiche und hat einen überwältigenden, fast parfümierten tropischen Duft. „Ich bin dir gefolgt“, sagt er. Das Glas ist brühheiß. Der Kaffee kochend. Normalerweise verlieren heiße Getränke beim Umgießen ihre Temperatur. Aber hier hat das Dampfrohr das Glas zusammen mit der Milch auf 100 Grad erhitzt.“
Oder auf Seite 136f: „Der Tee, den er uns macht, ist auch so ein Tropfen, der mich erstaunt, nach dem ich ihn jedoch nicht fragen will. Er kocht Milch mit frischem Ingwer, eine viertel Stange Vanille und einen so dunklen und feinblättrigen Tee, dass er aussieht wie schwarzer Staub. Er seiht ihn und tut für uns beide Rohrzucker hinein. Der Tee hat etwas euphorisierend Aufputschendes und zugleich Sättigendes. Er schmeckt so, wie nach meiner Vorstellung der Orient schmecken muss.“
Und ein letztes Wasser-Zitat, von Seite 172f, es geht um Champagner: „Der Mechaniker öffnet die Flasche fast lautlos. Er schenkt langsam und sorgfältig ein, bis die Gläser etwas mehr als halb voll sind. Sie beschlagen sofort mit einem matten Nebel. Aus unsichtbaren Unebenheiten an den gewölbten Innenseiten steigen feine Perlenreihen an die Oberfläche. Er legt die Ellbogen auf die Knie und sieht in die Perlen. Sein Gesicht ist völlig abwesend, fasziniert von dem Anblick und in diesem Augenblick unschuldig wie das eines Kindes. So habe ich Jesaja oft die Welt betrachten sehen.“
Wegen dieser und vieler anderer Wasser-Passagen habe ich das Buch immer wieder gelesen – und nicht wegen des Krimiplots. Die Haupthandlung kenne ich natürlich inzwischen in- und auswändig. Aber kennt man einen Roman wirklich, der so aufhört?: „Erzähl uns, werden sie kommen und zu mir sagen. Damit wir verstehen und abschließen können. Sie irren sich. Nur was man nicht versteht, kann man abschließen. Die Entscheidung bleibt offen.“
Die Hanser-Ausgabe ist hier als E-Book erhältlich.