Dass „Frau Holle“ kein Märchen ist, sondern ein religiöser Mythos, haben schon die Brüder Grimm erkannt – und es wurde von der modernen Forschung bestätigt. Frau Holle ist die Holde Frau, Göttin von Himmel (es schneit!) und Erde (Reise in die Unterwelt durch Sprung in den Brunnen), vorchristliche und sogar vorpatriarchale Große Mutter. Bis zur Jungsteinzeit kann man ihre Spuren zurückverfolgen. Verwandt ist sie mit der baierischen Percht, der Hertha/Nerthus auf Rügen, und auch die Wanen-Göttin Freya (bevor die Asen kamen) und die schwäbische Sibylle von der Teck tragen noch Züge der Großen Mutter. Selbst in Hel und des Teufels Großmutter (als solche ist sie ja älter als der jüdisch-christliche Urböse des Alten Testaments) können wir noch Reste der Verehrung der Großen Mutter entdecken. So stark war die Sehnsucht der Menschen nach einem vorpatriarchalen Paradies, dass sie ihren Glauben lieber in Märchen und Sagen versteckten, als ihn ganz aufzugeben.
Auch Pflanzen haben die Menschen der Frau Holle geweiht: den schwarzen Holunder (Sambucus nigra), den Wacholder (Juniperus communis) – beide Heilpflanzen – und den Maßholder oder Feldahorn (Acer campestre), dessen Blätter früher wie Sauerkraut eingelegt und gegessen wurden (maz = Speise).
Auf dem Hohen Meißner, einem Bergmassiv in Nordhessen, östlich von Kassel, kann man überall noch Spuren der Frau Holle finden. Hier wachsen seltene Pflanzen, die es sonst nur in den Alpen gibt, stehen merkwürdige Steine, aus den Felsspalten dampft und stinkt es, eine Eisquelle hat auch im Sommer nicht mehr als 2°C, und manchmal gibt der Boden nach, und Mensch oder Tier fallen in tiefe Löcher und brechen sich die Knochen. Zum dortigen Frau-Holle-Teich pilgern die Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. Sie schenkt Kinder, aber sie nimmt auch die Seelen jener zu sich, die ungetauft gestorben sind. Eine archaische Landschaft, eine Reise wert!
Frau Holles Zeit sind bis in unsere Tage hinein die (verlängerten) Rauhnächte. Sie beginnen mit dem Holleabend (Donnerstag vor Weihnachten, also ungefähr zur Wintersonnenwende) und enden mit der Hollenacht vom 5. auf den 6. Januar (Heilige Drei Könige). In diesen Wochen steigt sie zur Erde auf, reitet mit der Wilden Jagd (Sturmnächte!), reist mit den Seelen der Verstorbenen über Land und belohnt die Fleißigen (wir sehen, Weihnachtsgeschenke sind älter als das Christentum!).
Vor diesem Hintergrund wird klar, dass sich Fleiß und Faulheit der beiden Märchen-Marien nur oberflächlich betrachtet auf das Spinnen, die Hausarbeit und das Bettenaufschütteln beziehen. Dahinter versteckt sich der Dienst der angehenden Priesterin, Schamanin oder Hexe an der Großen Mutter: Es gilt, das Rechte zur rechten Zeit zu tun, den Forderungen der Natur und des Lebens Folge zu leisten, im Einklang mit der Natur zu leben, uns selbst als Teil eines lebendigen Organismus zu begreifen. Ins 21. Jahrhundert übersetzt und entmythologisiert heißt das: den Klimawandel aktiv verhindern, denn sonst schneit es nicht mehr in der Welt!
Eine kleine Auswahl weitergehender Literatur findest du hier:
- sprachwissenschaftlich: Timm, Erika, unter Mitarbeit von Beckmann, Gustav Adolf: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2003, hier der Link.
- historisch: Kollmann, Karl: Frau Holle und das Meißnerland. Einem Mythos auf der Spur. Hg. von der Historischen Gesellschaft des Werralandes und dem Werratalverein, Eschwege 2005, hier der Link.
- philosophisch-sagenhaft: Göttner-Abendroth, Heide: Frau Holle – Das Feenvolk der Dolomiten. Die großen Göttinnenmythen Mitteleuropas und der Alpen. Neu erzählt. Hier der Link.