Lübeck: Niedereggers Marzipanmuseum

Da stehen sie nun im Museum, das Kind und der Weihnachtsmann, eingerahmt von Firmengründer Johann Georg Niederegger und dem Modedesigner Wolfgang Joop. Aus Marzipan gefertigt, lebensgroß.

Das Niederegger Marzipanmuseum (Breite Str. 89, Museum) befindet sich sehr versteckt im 2. OG des Firmengebäudes in der Fußgängerzone: Erst einmal muss man den gesamten Shop durchqueren, ins altbacksche Café hochsteigen und dann noch einmal ein bisschen weitersuchen, bis man den Weg gefunden hat. Ja, hier ist ansonsten alles auf Kommerz und Masse getrimmt, 30.000 kg Marzipan produziert die Firma inzwischen TÄGLICH. Da kann sie es sich auch leisten, dass der Eintritt ins Museum kostenlos ist.

Im Museum erfährst du viel über die Geschichte des Marzipans. Der Hauptbestandteil, Mandeln, ist im Orient zu Hause, und irgendwann entdeckten die Perser, wie gut eine aus Mandelmasse, Honig (später Zucker) und Rosenwasser hergestellte Süßigkeit schmeckt. Poeten besangen das Konfekt, die Kreuzfahrer brachten es schließlich nach Europa. Bei uns galt es im Mittelalter als kostbares, stärkendes Heilmittel, hergestellt in Klöstern (z.B. von den Benediktinerinnen), verkauft von Apothekern. Erst im 18. Jahrhundert verloren diese ihr Marzipan-Monopol. Französische und italienische Zuckerbäcker eroberten mit phantasievoll gestalten Kreationen rasch die Gunst der Adligen und reichen Bürger*innen. Materialien dieser Konfiseure waren statt Mehl Zucker, Gewürze, Früchte, Mandeln, Tragant und Reis. Bei barocken Festmählern wurden Marzipanfiguren manchmal sogar vergoldet!

Erst nachdem 1801 die erste Zuckerrübenfabrik ihre Arbeit aufgenommen hatte, wurden Süßigkeiten auch für breitere Kreise erschwinglich. Die Marzipan-Saison von Oktober bis Weihnachten brachte den Konditoren und ihren Familien harten Arbeit. Frauen brühten, schälten und lasen die Mandeln aus. Das kraftzehrende Zerstoßen der Mandeln am Reibstein und das mühsame Zerkleinern des Hutzuckers hingegen wurde von Männern besorgt.

Was früher mit Holz- oder Schwefelmodeln in Handarbeit geformt wurde, ist heute überwiegend industriell hergestellt. 1915 gab es in Lübeck 36 Marzipan-Produzenten – heute sind gerade einmal 5 übriggeblieben: Niederegger, Mest (siehe Lübecks bestes Marzipan), Erasmi & Carstens, Marzipanland und Lubs, die sich alle unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Denn Marzipan ist nicht gleich Marzipan. Echtes Lübecker Marzipan darf maximal 33% Zucker enthalten – je mehr Zucker, desto billiger ist es. Und dann stellt sich natürlich noch die Frage nach Rosenwasser, Honig usw., Bio oder nicht, vegan oder nicht, geflämmt oder nicht.

Der Marzipantisch, von dem du ganz oben einen Ausschnitt siehst, besteht aus insgesamt 12 Figuren und ist angeblich das größte existierende Marzipankunstwerk. Die Skulpturen stammen aus dem Atelier des 1964 geborenen Bildhauers Johannes Kiefer. Von der Idee bis zur Fertigstellung benötigte er 3.500 Arbeitsstunden und 500kg Marzipan…

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