Magische Weihnachten Advent,Musik 👎 Humperdinck: Hänsel und Gretel

👎 Humperdinck: Hänsel und Gretel

Es wird mir zeitlebens ein Rätsel bleiben, warum die Kinderoper des Spätromantikers Engelbert Humperdinck (1854-1921) auch heute noch so beliebt ist. Warum die Nazis ihn mochten, kann ich hingegen sehr gut verstehen. Zu seinem Stil passt die obige Beitragsillustration von Otto Kubel (1868-1951), der bereits 1933 der NSDAP beitrat.

Das Dritte Reich hat Humperdinck nun nicht mehr erlebt, aber moderne, atonale Musik des frĂĽhen 20. Jahrhunderts war ihm ein Gräuel. Stattdessen befreundete er sich in jungen Jahren mit dem Antisemiten Richard Wagner, half bei den Bayreuther Vorarbeiten zum Parsifal und unterrichtete Wagners Sohn Siegfried in Kompositionslehre. 1914 gehörte er zu den Unterzeichnern des „Manifests der 93“, in dem behauptet wurde, dass Deutschland keine Schuld am 1. Weltkrieg und an den Gräueltaten im neutralen Belgien unter Missachtung des Völkerrechts habe. Stattdessen: „Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbĂĽnden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiĂźe Rasse zu hetzen“ heiĂźt es dort, und dass nur deutscher Militarismus die Kultur schĂĽtzen könne. Ja, danke!

Sohn Wolfram war von 1933 bis 1941 Oberregisseur am Leipziger Opernhaus und Mitglied der NSDAP ab 1932. Auch Humperdincks SchĂĽler Siegfried Wagner (gest. 1930) war den aufstrebenden Nazis wohlgesonnen – ebenso wie der Rest der Wagner-Familie um Cosima.

Nun kann man natĂĽrlich einen Antisemiten so sehr verehren, dass man wie Humperdinck gar dem „Orden des heiligen Grals“ beitritt, unpolitisch oder Opportunist sein und trotzdem spannende Musik schreiben (Carl Orffs „Carmina burana“ ist ein Beispiel). Aber lässt sich „Hänsel und Gretel“ so einzuordnen?

Humperdinck hat die Oper in den frĂĽhen 1890er Jahren geschrieben. Das Libretto stammt von seiner Schwester. Die hat sich natĂĽrlich bei den BrĂĽdern Grimm bedient und jede Menge Schmalz und Kitsch draufgepackt. Kaum zu ĂĽberbieten ist das Ende des 2. Bildes mit dem „Abendsegen“, den die im Wald verirrten Kinder beten:

HÄNSEL
schlaftrunken
Sandmann war da!

GRETEL
ebenso
Lass uns den Abendsegen beten!

Sie kauern sich nieder und falten die Hände.

GRETEL, HÄNSEL
Abends will ich schlafen gehn,
vierzehn Engel um mich stehn:
zwei zu meinen Häupten,
zwei zu meinen FĂĽssen,
zwei zu meiner Rechten,
zwei zu meiner Linken,
zweie, die mich decken,
zweie, die mich wecken…

GRETEL
…zweie, die mich weisen
zu Himmels Paradeisen!

HÄNSEL
… zweie, die zum Himmel weisen!

Sie sinken aufs Moos zurück und schlummern, Arm in Arm verschlungen, alsbald ein. Gänzliche Dunkelheit. Nun dringt plötzlich ein heller Schein durch den Nebel, der sich alsbald wolkenförmig zusammenballt und die Gestalt einer Treppe annimmt.

Vierzehn Engel, in lichten, lang herabwallenden Gewändern, schreiten paarweise, während das Licht an Helligkeit zunimmt, in Zwischenräumen die Wolkentreppe hinab und stellen sich, der Reihenfolge des „Abendsegens“ entsprechend, um die schlafenden Kinder auf. Das erste Paar zu den Häupten, das zweite zu den FĂĽssen, das dritte rechts, das vierte links; dann verteilen sich das fĂĽnfte und das sechste Paar zwischen die andern Paare, so dass der Kreis der Engel vollständig geschlossen wird. Zuletzt tritt das siebente Paar in den Kreis und nimmt als „Schutzengel“ zu beiden Seiten der Kinder Platz. Die ĂĽbrigen Engel reichen sich nunmehr die Hand und fĂĽhren einen feierlichen Reigen um die Gruppe auf. Die ganze Szene ist von intensivem Lichte erfĂĽllt. Während die Engel sich zu einem malerischen Schlussbilde ordnen, schliesst sich langsam der Vorhang.

Mich schĂĽttelt’s. Und es wird natĂĽrlich nicht besser, wenn es um die Person der „bösen Hexe“ geht: Also einer im Walde allein (ohne männlichen Vormund) lebenden Frau, die tatsächlich nicht bettelarm ist, sondern mehr als genug zu essen hat (und dazu auch noch teures Zucker- und Backwerk). Das kann nicht sein, das darf nicht sein, sie MUSS böse sein. In den Inszenierungen der Nazizeit wurde sie „jĂĽdisch“ dargestellt, mit Hakennase usw… Klar, die Juden fressen kleine Kinder und trinken Christenblut!

Und klar, Hexen muss man verbrennen (wie gut passt das eigentlich zur Weihnachtszeit?). Bei Humperdinck schafft Gretel das noch nicht einmal allein, sondern braucht Hänsel dazu. Und dann die ganzen Humperdinckschen ehemaligen Lebkuchen, die nun alle wieder Kinder sind! Spannend die Vorstellung, dass Hänsel und Gretel ja davon genascht, also de facto Menschenfleisch gegessen haben… Ach ja, und die böse Mutter ist gar nicht gestorben wie bei den Grimms, sondern hat fleiĂźig und reuevoll im Wald nach den lieben Kinderlein gesucht.

Musikalisch erweist der Komponist sich als Epigone seines groĂźen Vorbilds Wagner, ergänzt durch volksliedhafte Melodien. Fragmente einiger Kinderlieder hat er eingefĂĽgt (wie „Ein Männlein steht im Walde“), während „BrĂĽderlein komm tanz mit mir“ von ihm erfunden und erst später zum Volkslied avanciert ist – es wurde sozusagen ein Gassenhauer. Eigentlich kein Wunder, dass die Oper schon bei ihrer UrauffĂĽhrung 1893 ein Erfolg war: Sie passte in die Zeit und bot nichts wirklich Neues, AufrĂĽttelndes oder gar Verstörendes. Sondern völkisch-nationalistische Heimatkunst.

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