Wenn ich deutsche Kunstlieder im Radio höre (jemand singt, jemand anderes klimpert auf dem Klavier), dann schalte ich weg: Eine Mischung aus gähnender Langeweile und Beklemmung ob des Pathos und Kitsches überfällt mich unweigerlich. Das ist bei Schuberts Winterreise nicht anders, hier das bekannteste Stück, „Der Lindenbaum“:
Am Brunnen vor dem Thore / Da steht ein Lindenbaum: / Ich träumt’ in seinem Schatten / So manchen süßen Traum. Ich schnitt in seine Rinde / So manches liebe Wort; / Es zog in Freud und Leide / Zu ihm mich immer fort. / Ich mußt’ auch heute wandern / Vorbei in tiefer Nacht, / Da hab’ ich noch im Dunkel / Die Augen zugemacht. / Und seine Zweige rauschten, / Als riefen sie mir zu: / Komm her zu mir, Geselle, / Hier findst Du Deine Ruh’! / Die kalten Winde bliesen / Mir grad’ in’s Angesicht; / Der Hut flog mir vom Kopfe, / Ich wendete mich nicht. / Nun bin ich manche Stunde / Entfernt von jenem Ort, / Und immer hör’ ich’s rauschen: / Du fändest Ruhe dort!
Dabei hat es just dieser Zyklus aus 24 Liedern Wilhelm Müllers in sich: Er erschien in der verbotenen Literaturzeitschrift „Urania“, und Schubert musste sich die Texte illegal besorgen! Er war selbst politisch nicht aktiv, hatte aber enge Kontakte zu Oppositionellen. Der Winter steht bei Müller und ihm für die Erstarrung, die Restauration unter dem Kanzler Fürst Metternich ab 1815 (Wiener Kongress). Schubert kündigte seinen Freunden 1827 einen Zyklus „schauerlicher Lieder“ an, und einer von ihnen erinnert sich an jenen „ungeheuerlichen“ Abend, als der Komponist ihnen die Winterreise mit bewegter Stimme vorsang. Die düstere Stimmung der Lieder ließ die Freunde völlig ratlos zurück – nur der oben zitierte Lindenbaum gefiel ihnen. Kurze Zeit später starb Schubert.
Das Verstörende jener Lieder kann man heute, im 21. Jahrhundert, nicht mehr recht nachvollziehen, außer, ja außer man hört sie sich in Hans Zenders (1936-2019) Interpretation und Orchestrierung an! Dann ist sie plötzlich wieder da, die Dissonanz, das Erschreckende, die Kälte. Das fängt schon damit an, dass das Orchester spielend den Raum betritt, der Tenor auch mal ins Megaphon schreit oder einfach spricht, statt zu singen. Windmaschinen, Eisenstäbe und Regenbleche als Instrumente tun ihr übriges. Und manchmal, da wird kurz, sehr kurz einfach nur „schön“ gesungen – während die nächste Stelle wieder völlig ausbricht. „Zum Schluss wird die Ordnung zunehmend labiler. In den „Nebensonnen“ laufen drei Temposchichten nebeneinander her. Die Drehfigur im „Leiermann“ – bei Schubert ganz gleichmäßig – ist metrisch instabil, grotesk-hektisch oder traurig-stupid. Die Tonarten verrutschen „auf dem Eise“ und lösen sich in einem vagen Klangfeld auf. Dem Wanderer bleibt nur sein Traum“ von einer besseren Welt, wie es in der Werkeinführung des WDRs heißt (klicke hier).
Ich habe die 24 Lieder des Zyklus in einem Rutsch durchgehört – und war nicht eine Sekunde gelangweilt!
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