Magische Weihnachten Rauhnächte,Winterliche Literatur Graphic Novel: Der Schnee war schmutzig

Graphic Novel: Der Schnee war schmutzig

Ein Winter in einer (vielleicht von den Nazis?) besetzten Stadt ohne Namen. Frank Friedmaier ist knapp 19 Jahre alt und wohnt bei seiner Mutter, einer Bordellbesitzerin, als er seinen ersten Mord begeht, an einem Besatzungsoffizier, nur um ein Messer auszuprobieren. Und kurz danach den zweiten, aus Geldgier. Er schläft, völlig gefühlskalt, mit den Mädchen des Bordells, ist aber, ohne es sich einzugestehen, in die 16jährige Nachbarin Sissy verliebt. Trotzdem überläßt er sie seinem kriminellen Quasi-Chef unter gemeinsten Umständen zur Vergewaltigung und Entjungferung. Schließlich wird Frank von den Besatzern verhaftet und gefoltert. Ein Leben außerhalb des Gefängnisses? Kann er sich nicht mehr vorstellen. Er hört auf, die Tage zu zählen… Wie schon Jean Améry sagte: Wer der Folter unterlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Aber war Frank es je?

Das Buch zeigt Franks Sicht und ist sehr klaustrophobisch. Simenon schrieb den Roman (auf Französisch „La neige était sale“) 1948. Er wusste, was es heißt, in einem besetzten Land zu leben. Es ist einer der „romans durs“, der harten Romane, Simenons, kein Krimi à la Maigret. Und nach Meinung des Autors sein bester. Besatzung, sagt Simenon, sei „schlimmer als der Krieg selbst, weil sie viel mehr Schmutz aufwirbelt, weil sie Misstrauen und Hass erzeugt, deren Stempel dem Volk für lange Zeit aufgedrückt ist.“ Und sein Lieblingssatz (er kommt in der Graphic-Novel-Version nicht vor) aus diesem Buch: „Frank hat das Meer nie gesehen. Er wird es nie sehen.“ (zitiert nach Lothar Struck, https://www.glanzundelend.de/Red17/s17/georges-simenon-maigret-struck.htm).

Noir-Krimi und existentialistisch – zwei Vokabeln, die diesen Roman recht gut beschreiben. Der Existentialist und Kommunist Jean-Paul Sartre stand Simenon ablehnend gegenüber. Aber der Existentialist und Anarchist Albert Camus und Simenon haben sich wohl gegenseitig befruchtet: Camus‘ „L’Ètranger“ (Der Fremde) aus dem Jahre 1942 enthält Motive, die Simenon 1934 in „L’Homme de Londre“ (Der Mann aus London) bereits 1934 verarbeitet hat – und „La neige était sale“ wiederum Motive aus „L‘ Étranger“.

Der ganze Roman spielt während eines einzigen Winters. Über die ganze Zeit hinweg ist der Schnee sehr dreckig, nicht zuletzt vom Blut der Ermordeten. Und selbst Neuschnee kann diesen Schmutz nicht überdecken. Erst auf der letzten Seite ändert sich das…

Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Comiczeichner Yslaire hat den Roman kongenial umgesetzt, und auch die Texte Fromentals sind stimmig. Einzig allein an der deutschen Ausgabe des Nachworts gibt es eine Kleinigkeit zu bemängeln: Maine und Florida, die Simenon bereist, während er den Roman schreibt, befinden sich nicht an der West-, sondern an der Ostküste der USA.

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