Warst du schon einmal so wie ich im Winter in Prag? Bist du bei Schnee von der Kleinseite über die Karlsbrücke in die Altstadt gelaufen?
Dann kannst du, liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht erahnen, welche Wunder dir widerfahren, wenn du just wie Jaroslav Rudis‘ Ich-Erzähler am Heiligabend in der tschechischen Hauptstadt ankommst und deine Freunde weder da, noch telefonisch zu erreichen sind.
Du nimmst die Straßenbahn Linie 22 und fährst hoch zum Hradschin. Dein erstes Bier trinkst du im Schwarzen Ochsen. Und dort triffst du Kavka, genannt Kafka, nach dem berühmten Schriftsteller von „Die Verwandlung“. Mit ihm ziehst du dann durch das weihnachtlich-menschenleere Prag. Sein Kopf leuchtet warm wie eine Gaslaterne, mal heller, mal dunkler. In der Kneipe „Anker“ sitzt Der König von Prag, goldgeschmückt, goldbezahnt, der alle Schlösser öffnen kann, denn er versteht ihre Musik. Und zieht mit euch. Schließlich trefft ihr noch die Italienerin Stella, deren verstorbener Mann am liebsten hier Straßenbahnfahrer gewesen wäre. Kafka verliebt sich sofort in sie. Und selbst das Christkind erscheint schließlich! Was soll man auch anderes erwarten von einer Stadt, in der alle Dichter, Musiker und Maler nach ihrem Tod zu Fischen in der Moldau oder zu Vögeln werden?
Dieses von Jaroslavs Freund, dem Comiczeichner Jaromir 99, liebevoll illustrierte Büchlein kann ich jedem empfehlen, der wie ich dem Zauber der Stadt von jeher erlegen ist und sie vielleicht auch aus vor-massentouristischen Zeiten kennt. Nicht umsonst zählt Prag zum Magischen Dreieck der alchemistischen Städte, zusammen mit Turin und Lyon.
Jaroslav Rudis: Weihnachten in Prag. (c) 2023 Luchterhand Literaturverlag, München