Dieses kleine Büchlein aus dem Insel-Verlag hat mir wirklich sehr gut gefallen. Der Schweizer Urs Faes erzählt darin eine Geschichte, die im badisch-katholischen Teil des mittleren Schwarzwaldes spielt. Nach vierzig Jahren in einer fernen Stadt kehrt Manfred am Thomastag (21.12.) in sein Heimattal zurück, das bei Zell am Harmsbach liegt. Von der Bahnstation stapft er durch die tiefverschneite Landschaft und quartiert sich schließlich in einem Gasthof ein. Er will seinen Bruder wiedersehen, mit dem er damals im Zwist auseinandergegangen ist. Aber wird auch der Bruder ihn wiedersehen wollen?
Die erste Raunacht beginnt, und er erinnert sich an die Bräuche, an denen seine Mutter festhielt. Hier ein kurzes Zitat (S. 14f):
„Und das Summen? Würde er es wieder hören? Gerade in diesen Tagen auf das Jahresend zu war es um das Haus und den Hof wahrzunehmen, leises Sausen um die Fenster, ein Ziehendes aus dem Unterholz, ein kurzes Pfeifen und jemandes Erschrecken, das darein fiel. Die Mutter hatte es immer gehört, kurz vor Weihnachten, und sie hatte es gefürchtet. Mit dem Summen beginnen sie, sagte sie, diese Nächte, die sie die rauen nannte. Und sie stellte das Windspiel auf den Balkon, einen Mistelzweig und ein Säckchen mit Bergknoblauch und getrocknetem Johanniskraut. Er hatte den Duft immer geliebt, besonders dann, wenn sie Kräuter verbrannte und den Rauch durch das Haus ziehen ließ, süßlich, würzig kräftig, ein Hauch von Thymian, von Heidekraut und Baldrian, Gerüche von Apfelblüte und Harz.“
Manfred wird 12 Raunächte im Tal verbringen. Wieviele seiner Fragen, die sich in den vierzig Jahren Abwesenheit aufgestaut haben, werden danach beantwortet sein?
Die Erzählung ist stark mit ortsüblichen Bezeichnungen gespickt, z.B. ist es gut zu wissen, was ein Tobel ist (ein sehr steiles Tal mit einem Wildbach unten) oder eine Mettensau (ein Schwein, das am Thomastag geschlachtet und nach der Christmette am 24.12. als Schweinebraten verzehrt wird). Die Landschaft spielt in ihren Einzelheiten eine sehr große Rolle – leider bin ich dort noch nie gewesen. Aber auch so habe ich die Erzählung schon zweimal gelesen. Kongenial ist sie illustriert mit Zeichnungen von Nanne Meyer.
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