Ich habe spaßeshalber die KI befragt, ob Tiecks kleine Erzählung als Kitsch einzuordnen sei. Sie meinte nein, es spreche ein echtes Gefühl aus ihr (als ob ein Computer das beurteilen könnte). Ich für mein Teil empfinde den Text als hochgradig kitschig. Ein wenig abgemildert wird er durch die herben Illustrationen von Gerda Raidt, die die Gesichter der Menschen fast hässlich erscheinen lassen und eher abweisend wirken – mit einer Ausnahme: Das Kind in der Geschichte wird verniedlicht mit kreisrunden Augen dargestellt.
Tieck, der gleichzeitig Aufklärer und Romantiker war und vom preußischen, tiefreligiösen König Friedrich Wilhelm IV. hochgeschätzt wurde, hat die Erzählung 1835 in Dresden verfasst. Nun ist es per se schon bedenklich, wenn die Reichen und Mächtigen einen hofieren – wenn es dann noch Menschen sind, die vom Gottesgnadentum ihres Königseins überzeugt sind, um so mehr.
Wie alles bei Tieck ist auch diese kleine Novelle zumindest ein ganz klein wenig gebrochen, gerade am Anfang, der fast vermuten ließe, er könne den Vorwurf widerlegen, auch dies sei (wie viele andere seiner Werke) bloße Unterhaltungsliteratur. So beginnt die Geschichte:
„Man kann annehmen, dass, so sehr poetische Gemüter darüber klagen, wie in unserer Zeit alles Gedicht und Wundersame aus dem Leben verschwunden sei, dennoch in jeder Stadt, fast allenthalben auf dem Lande, Sitten, Gebräuche und Festlichkeiten sich finden, die an sich das sind, was man poetisch nennen kann, oder die gleichsam nur eine günstige Gelegenheit erwarten, um sich zum Dichterischen zu erheben. Das Auge, welches sie wahrnhemen soll, muss freilich ein unbefangenes sien, kein stumpfes und übersättigtes, welches Staunen, Blendung, oder ein Unerhörtes, die Sinne durch Pracht oder Seltsamkeit Verwirrendes mit dem Poetischen verwechselt.“
Die Erzählung spielt in Tiecks Vergangenheit, nämlich 1791 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und den Häusern drumherum. Hier leben ein armes, immer und ausschließlich gutes kleines Mädchen namens Wilhelmine und seine verwitwete Mutter in einem Dachstübchen. Von dort aus blickt die Kleine in die hellerleuchteten Fenster wohlhabender Leute im Haus gegenüber – mit Bewunderung, aber ohne jeglichen Neid. Selbstverständlich sind Mutter und Tochter sehr religiös. Die Mutter hat einen ganzen Taler angespart, um dem Kind auf dem Weihnachtsmarkt eine Freude machen zu können. Als sie zum Markt hinausgehen, bemerkt sie Mutter, dass ein fremder, blatternarbiger Mann ihnen folgt. Und als sie schließlich dem Minchen für den Taler etwas kaufen möchte, ist er – oh weh – verloren gegangen. Doch wie reagiert dieser heilige Ausbund eines Mädchens?:
„Du bist betrübt, sagte die Kleine, und schmiegte sich an den Hals der Mutter: sei es nicht! Sie sagen immer, das Christkind zöge ein und bescherte in den Häusern, nun, so ist es unsrer Tür vorüber gegangen. Es besinnt sich wohl übers Jahr besser, wenn ich die ganze Zeit recht gut und artig bin. Der böse garstige Mensch mit seinem blattrigen Gesicht hat Dir gewiss den Taler aus der Tasche genommen. Habe ich doch alles gesehn, so viel Herrliches, dass ich es Zeit meines Lebens nicht wieder vergessen werde, und habe ich doch zu morgen noch die süßen Pfefferkuchen. Vielleicht, dass manches Kind die nicht einmal hat. Nicht wahr, mein Mütterchen?“
Nun, der Mann mit den Blatternarben entpuppt sich noch am selben Abend als der verloren gegangene Sohn. Und Wunder über Wunder: Er ist genau jener reiche Mensch, der im Haus gegenüber wohnt mit seiner Familie. Und so endet alles in Friede, Freude und Eierkuchen.
Für Kitsch gibt es mehrere Definitionen. Eine besagt, dass er – im Gegensatz zum Kunstwerk – keinen Spielraum für Interpretation lässt. Und was soll man an einer solch unrealistischen Geschichte groß interpretieren? Auch Innovationen gehen von ihr nicht aus. Stattdessen wird eine heilere Vergangenheit beschworen. Das war in der Romantik und später im Biedermeier (also zu der Zeit der Entstehung dieser Erzählung) nicht unüblich. Aber Pathos und Religionskitsch triefen bei Tieck geradezu aus jedem zweiten Satz.
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