Wenn hast du das letzte Mal eine Eisblume am Fenster deines Zimmers gesehen? Bei mir war es im Winter 1978/79. Ich hatte gerade meinen Führerschein gemacht und übte mich auf den Straßen Berlins im Tiefschneefahren. Meine Oma hatte eine neue Wohnung in der Kreuzberger Arndstraße gemietet, die aber noch renoviert werden musste. Schwesterchen und ich schliefen dort schon, auf Luftmatratzen. Damals verstand man unter Doppelverglasung zwei Fensterscheiben, zwischen ihnen zehn Zentimeter Fensterbrett.
Und eines Morgens waren sie plötzlich da, am äußeren Fenster: die allermagischsten Eisblumen, so schön, dass ich mich heute, fast fünfzig Jahre später, noch an sie erinnern kann. Und was kann man mit ihnen nicht alles machen: anschauen, anhauchen, die Hände drauf legen, Muster hineinzeichnen….
Ich kenne kein auch nur annähernd gutes deutsches Gedicht über sie, aber auf Dänisch gibt es eins, von Viggo Stuckenberg (1886):
| Isblomster | Eisblumen |
| Isen har lagt sig derude, Isen har lagt sig herinde og sat paa min Rude Blomster, som skinne, Isblomster, prægtigt glimrende, i kølig funklende Pragt, krystalbesatte, luftfine, koldt diamantblinkende, sølvstive, duftløse Isblomster. Jeg elsker at lege med dem i deres solglitrende Glans, straalespillende, men uden Glød, dødfødte Børn, isavlede Fostre af Vintrens ligsvangre Skød; jeg elsker at lege med dem, nu Somrens Blomst er død; deres blodløse Pragt lægger sin isnende Ro hvor Sommerblomsten har lagt, bloddryppende rød, sin kvælende, glødende Duft om ildsmertende Saar – – Jeg elsker den funklende Isblomst, dens snekolde Ro, dens isnende Død. | Das Eis liegt dort draußen, Das Eis liegt hier drinnen Und hat sich auf meinem Fenster niedergelassen Blumen, die glänzen, Eisblumen, prächtig strahlende, in kühl funkelnder Pracht, kristallbesetzte, luftige, kalt diamantblinkende, silbersteife, duftlose Eisblumen. Ich liebe es, mit ihnen zu spielen in ihrem sonnenglitzernden Glanz, strahlend, aber ohne Glut, totgeborene Kinder, eisgeborene Föten aus des Winters leichenschwangerem Schoß; ich liebe es, mit ihnen zu spielen, nun, wo des Sommers Blume tot ist; ihre blutlose Pracht legt hin ihre eisige Ruhe dort, wo die Sommerblume lag, bluttropfend rot, ihr erstickender, glühender Duft vom feuerschmerzenden Wunden – – Ich liebe die funkelnde Eisblume, ihre schneekalte Ruhe, ihren eisigen Tod. |
(c) der Übersetzung: Barbara Pfeifer, 2026